medboxx

Der Stickoxid-Peroxinitrit-Zyklus – ein biochemischer Teufelskreis: Kann das neue Krankheitsmodell von Dr. Pall CFS, FM und andere “ungeklärte” Krankheiten erklären?


16. June 2008

Dr. Martin L. Pall, PhD* (zu diesem Titel siehe Wikipedia), Professor für Biochemie und Grundlagenwissenschaften der Medizin an der Washington State University, hat weltweit in der Wissenschaft Aufmerksamkeit erregt mit einem neuen Krankheitsmodell.
Dieses neue Krankheitsmodell könnte dazu beitragen, eine ganze Gruppe von chronischen Erkrankungen nicht nur zu erklären, sondern auch erfolgreich zu behandeln. Da es sich um einen ganz neuen Blickwinkel handelt, ist auch von einem neuen Krankheitsparadigma (Paradigma aus gr.-lat. Beispiel, Muster) die Rede. Vorgestellt hat Dr. Pall seinen Ansatz auch in einem Buch mit dem Titel “Explaining ‘Unexplained Illnesses’” (deutsch: “Erklärung ‘unerklärter Krankheiten’”, genaue Angaben siehe unten).

Als Beispiele für Erkrankungen, die sich durch das neue Krankheitsmodell erklären lassen, nennt Pall:

  • CFS (chronisches Müdigkeitssyndrom)
  • FM (Fibromyalgie)
  • MCS (multiple Chemikalienempfindlichkeit)
  • PTSD (posttraumatische Belastungsstörung

Pall betont, er habe einen Doktor der Philosophie und keinen der Medizin. Keiner seiner Vorschläge solle als medizinischer Ratschlag angesehen werden oder werde als Behandlung oder Heilmittel für irgendeine Erkrankung verkauft.

Dr. Palls Krankheitsmodell
Kernstück des Krankheitsmodells von Pall ist die These, dass durch - unter Umständen nur kurzfristige - “Stressoren” ein biochemischer Teufelskreis oder Circulus vitiosus (1) ausgelöst werden kann, das heißt ein biochemischer Mechanismus, der sich selbst unterhält oder sogar steigert.
(1) von lat.: “schädlicher Kreis”, auch als medizinischer Fachausdruck verwendet im Sinne von gleichzeitig bestehenden Krankheitsprozessen, die sich gegenseitig ungünstig beeinflussen
Stressoren

Die Stressoren, die den genannten biochemischen Mechanismus auslösen können, umfassen nach Pall bakterielle und virale Infektionen (bei CFS und FM) die Exposition gegenüber drei Arten von Pestiziden oder organischen Lösungsmitteln (bei MCS)
physische Traumata (bei FM oder PTSD) schwerer psychologischer Stress (bei PTSD oder allen anderen genannten Syndromen). Sie umfassen demnach psychische und physische Belastungsfaktoren verschiedenster Art. Aufgrund der Verbreitung dieser Stressoren wird sicherlich häufig nicht ein einzelner Faktor, sondern eine Kombination von Stressoren als Auslöser auftreten. Auch die Häufigkeit chronischer Erkrankungen könnte so erklärt werden.
Der biochemische Teufelskreis
Jeder der genannten Stressoren kann im Körper die Stickoxid-Werte erhöhen. Angeregt durch diese Tatsache entwickelte Pall die These, dass Stickoxide wahrscheinlich bei der anfänglichen Entstehung von chronischen Erkrankungen eine Rolle spielen. Zusammen mit seinem aggressiven Folgeprodukt Peroxinitrit erzeugt Stickoxid einen biochemischen Teufelskreis, der nach Pall letztlich die Erkrankungen verursacht. Er bezeichnet diesen Mechanismus als Stickoxid/Peroxinitrit-Zyklus, oder – unter Verwendung der Strukturformeln - NO/ONOO-Zyklus. Durch die Aussprache “no, oh no!”, lassen sich sowohl die verhängnisvollen Auswirkungen des Zusammenspiels dieser beiden Stoffe ausdrücken - eingeschlossen die Tatsache, dass Peroxinitrit der aggressivere der beiden Stoffe ist - als auch der Zustand der betroffenen Menschen.
Verschiedene Arten von Ursachen chronischer Erkrankung
In diesem Krankheitsmodell wird also unterschieden zwischen
einer anfänglichen Ursache, d.h. einem oder mehreren Stressoren
und einer fortlaufenden Ursache, dem Mechanismus des NO/ONOO-Zyklus. Folglich gibt es auch mehrere Ansatzpunkte für eine Therapie und dies unterscheidet Palls Krankheitsmodell wesentlich von der üblichen Herangehensweise der offiziellen Medizin. Zu beachten ist dabei sicherlich, dass im Zeitverlauf immer wieder Stressoren auftreten können, die den Prozess erneut in Gang setzen.

Die fünf beschreibenden Prinzipien des Krankheitsmodells

Stressoren als Auslöser:
Auslöser von NO/ONOO-Zyklus-Erkrankungen sind Stressoren, die zu erhöhten Werten von Stickoxid oder anderen Komponenten des Zyklus im Körper führen.

Chronifizierung durch den NO/ONOO-Zyklus:
Die Chronifizierung des Krankheitszustandes wird vom NO/ONOO-Zyklus verursacht. Die Betroffenen weisen entsprechend erhöhte Werte für verschiedene Komponenten des Zyklus auf.

Entstehung der Symptome durch die Komponenten des NO/ONOO-Zyklus:
Die Krankheitssymptome und -anzeichen der werden von den Komponenten des Zyklus hervorgerufen.

Lokalität des Mechanismus:
Der zugrunde liegende Mechanismus tritt lokal auf. Das beruht auf der Tatsache, dass die drei zentralen chemischen Komponenten des NO/ONOO-Zyklus - Stickoxid, Peroxinitrit und Hyperoxid – in biologischen Geweben alle relativ kurze Halbwertszeiten haben, so dass der Weg vom Ort der Produktion zum Ort der Zerstörung nicht sehr weit ist. Die Mechanismen des Zyklus laufen auf der Ebene einzelner Körperzellen ab. Folge ist, dass der NO/ONOO-Zyklus individuell unterschiedliche Gewebe beeinträchtigt und eine Vielfalt von Symptomkombinationen entstehen kann. Die unterschiedlichen Krankheitssymptome waren bisher eines der größten Rätsel bei dieser Gruppe von Erkrankungen.

Behandlung:
Die Krankheiten sollten behandelt werden, indem die biochemischen Mechanismen des NO/ONOO-Zyklus herabreguliert werden, indem also an der Ursache angesetzt wird.

Behandlung
Der schwierigste Aspekt bei der Behandlung ist die Komplexität des Zyklus. Dieser beinhaltet mindestens 22 verschiedene Mechanismen, bei denen ein Element des Zyklus zu einer Erhöhung eines anderen führt (siehe Buch, Abbildung 1, und Website von Dr. Pall).

Zum Zyklus gehören u.a. folgende Variablen:

Die Aktivität des Transkriptionsfaktors NF-Kappa B. Dieser aktiviert die Gene für inflammatorische (Entzündungsprozesse fördernde) Zytokine (bestimmte Substanzen, die während der Immunantwort freigesetzt werden) und ein Gen, auf dem die induzierbare Stickoxidsynthase (iNOS) kodiert ist.

die Werte für Hyperoxid

die Werte für Kalzium im Zytoplasma der Zellen

die Werte von zwei Rezeptorsystemen, die hauptsächlich auf das Nervensystem wirken, die Vanilloid-Rezeptoren (Schmerzfaserrezeptoren) und die NMDA-Rezeptoren (Untertyp der auf erregende Aminosäuren ansprechenden Glutamat-Rezeptoren).

Als Folge der Angriffe des Peroxinitrits auf Proteine und andere Bestandteile der Mitochondrien führt der Zyklus zu einer herabgesetzten Fähigkeit, Energie in Form von ATP zu produzieren.
Es gibt nach Pall eine ganze Reihe Substanzen, von denen angenommen wird, dass sie die biochemischen Prozesse des NO/ONOO-Zyklus herunterregeln. In klinischen Studien zeigten 12 oder 13 Gruppen von Substanzen signifikante Besserungen bei CFS, FM oder MCS. Einige weitere Substanzen sind möglicherweise wirksam, dazu existieren jedoch bisher weniger Belege. Einzelne Substanzen bringen nach Pall nur mäßige Besserungen. Komplexe Behandlungsprotokolle mit 14 oder mehr der wahrscheinlich wirksamen Substanzen, die von fünf Ärzten (Dr. Paul Cheney, Dr. Garth Nicolson, Dr. Neboysa Petrovic Dr. Jacob Teitelbaum, Dr. Grace Ziem) erprobt wurden, scheinen erheblich wirksamer zu sein. Die meisten Substanzen sind dabei Nahrungsergänzungen, hinzu kommen einige traditionelle Arzneimittel und pflanzliche Stoffe.
In Zusammenarbeit mit den genannten Ärzten entwickelte Pall ein eigenes Behandlungsprotokoll ausschließlich aus rezeptfreien Nahrungsergänzungen. Sein Buch enthält ein umfangreiches Kapitel zum Thema Therapie.

Palls Ansatz als neues Paradigma
Krankheitsmodell und Behandlungsansatz Palls unterscheiden sich deutlich von der Herangehensweise der heutigen offiziellen Medizin. Er selbst bezeichnet seinen Ansatz als entgegengesetzt zum derzeit vorherrschenden medizinischen Ansatz, der bei den meisten chronischen Erkrankungen versagt und häufig nicht einmal ein langsameres Fortschreiten erreichen kann. Die Erfahrungen der genannten fünf Ärzte lassen nach Palls Einschätzung darauf schließen, dass möglicherweise bei CFS, FM, MCS und PTSD gute klinische Erfolge zu erreichen sind.
Pall schlägt vor, den NO/ONOO-Zyklus als das zehnte Paradigma menschlicher Erkrankungen anzusehen, in Ergänzung zu den neun weithin akzeptierten Krankheitsparadigmen.
Es gibt weitere “heiße Kandidaten” für die Gruppe der NO/ONOO-Zyklus- Erkrankungen, u.a. Multiple Sklerose, Tinnitus, Alzheimer, Parkinson, Amytrophe Lateralsklerose, Asthma und das Spektrum der autistischen Erkrankungen. Bei diesen Krankheiten ist jeweils in unterschiedlichen Geweben der NO/ONOO-Zyklus beteiligt. Da dieser inflammatorische (entzündliche) biochemische Abläufe enthält, die denen bei Entzündungen ähneln, wäre es nicht überraschend, wenn der NO/ONOO-Zyklus viele dieser Erkrankungen erklären könnte.

Weitere Informationen
Dr. Palls Website School of Molecular Biosciences - Faculty: Pall: Detaillierte Übersicht über Dr. Palls Konzept.
Dr. Palls Buch zum Thema: “Explaining ‘Unexplained Illnesses’: Disease Paradigm for Chronic Fatigue Syndrome, Multiple Chemical Sensitivity, Fibromyalgia, Posttraumatic Stress Disorder, Gulf War Syndrome and Others”, Haworth Press, 2007. Erhältlich bei Amazon.com und über den örtlichen Buchhandel. Leider bisher nur in englischer Sprache.
Original Interview vom 11. Juni 2007: ImmuneSupport.com: Fibromyalgia & ME/Chronic Fatigue Syndrome Resource ©2007 ProHealth, Inc.
Behandlungsprotokoll von Dr. Pall: Antioxidant Suggestions For Down-regulation of the NO/ONOO- Cycle from Dr. Martin Pall, PhD (deutsche Übersetzung siehe Artikel des Monats August 07_2)
“Das Chronic Fatigue Syndrom als NO/ONOO-Zyklus-Erkrankung”, siehe Artikel des Monats August 07_3.

Informationsportal zum Chronic Fatigue Syndrom / Myalgische Enzephalopathie CFS/ME: Artikel des Monats August 07_1 (deutsche Übersetzung eines Interviews mit Dr. Pall, in dem er seine Theorie speziell für die Leser der Website in für Laien verständlichen Worten erklärt).

Autorin: Kate 

Kommentare

Einen Kommentar schreiben: